Gefahr der Sprache für die geistige Freiheit. – Jedes Wort ist ein Vorurtheil.
(Der Wanderer und sein Schatten, §55)

In
welche unnatürlichen, künstlichen und jedenfalls unwürdigen Lagen muss in einer
Zeit, die an der allgemeinen Bildung leidet, die wahrhaftigste aller
Wissenschaften, die ehrliche nackte Göttin Philosophie gerathen! Sie bleibt in
einer solchen Welt der erzwungenen äusserlichen Uniformität gelehrter Monolog
des einsamen Spaziergängers, zufällige Jagdbeute des Einzelnen, verborgenes
Stubengeheimniss oder ungefährliches Geschwätz zwischen akademischen Greisen
und Kindern. Niemand darf es wagen, das Gesetz der Philosophie an sich zu
erfüllen, Niemand lebt philosophisch, mit jener einfachen Mannestreue, die
einen alten zwang, wo er auch war, was er auch trieb, sich als Stoiker zu
gebärden, falls er der Stoa einmal Treue zugesagt hatte. Alles moderne
Philosophiren ist politisch und polizeilich, durch Regierungen, Kirchen,
Akademien, Sitten und Feigheiten der Menschen auf den gelehrten Anschein
beschränkt: es bleibt beim Seufzen „wenn doch“ oder bei der Erkenntniss „es war
einmal.“ Die Philosophie
ist innerhalb der historischen Bildung ohne Recht, falls sie mehr sein will als
ein innerlich zurückgehaltenes Wissen ohne Wirken; wäre der moderne Mensch
überhaupt nur muthig und entschlossen, wäre er nicht selbst in seinen
Feindschaften nur ein innerliches Wesen: er würde sie verbannen; so begnügt er sich,
ihre Nudität schamhaft zu verkleiden. Ja, man denkt, schreibt, druckt, spricht,
lehrt philosophisch, — so weit ist ungefähr Alles erlaubt, nur im Handeln, im
sogenannten Leben ist es anders: da ist immer nur Eines erlaubt und alles
Andere einfach unmöglich: so will's die historische Bildung. Sind das noch Menschen,
fragt man sich dann, oder vielleicht nur Denk-, Schreib- und Redemaschinen?

Das
liegt darin, dass sie das Gefühl und die Empfindung verwirrt, wo diese nicht
kräftig genug sind, die Vergangenheit an sich zu messen. Dem, der sich nicht
mehr zu trauen wagt, sondern unwillkürlich für sein Empfinden bei der
Geschichte um Rath fragt „wie soll ich hier empfinden?“, der wird allmählich
aus Furchtsamkeit zum Schauspieler und spielt eine Rolle, meistens sogar viele
Rollen und deshalb jede so schlecht und flach. Allmählich fehlt alle Congruenz
zwischen dem Mann und seinem historischen Bereiche; kleine vorlaute Burschen
sehen wir mit den Römern umgehen als wären diese ihresgleichen: und in den Ueberresten
griechischer Dichter wühlen und graben sie, als ob auch diese corpora für ihre
Section bereit lägen und vilia wären, was ihre eignen litterarischen corpora
sein mögen. Nehmen wir an, es beschäftige sich Einer mit Demokrit, so liegt mir
immer die Frage auf den Lippen: warum nicht Heraklit? Oder Philo? Oder Bacon?
Oder Descartes und so beliebig weiter. Und dann: warum denn just ein Philosoph?
Warum nicht ein Dichter, ein Redner? Und: warum überhaupt ein Grieche, warum
nicht ein Engländer, ein Türke? Ist denn nicht die Vergangenheit gross genug,
um etwas zu finden, wobei ihr selbst euch nicht so lächerlich beliebig ausnehmt?
Aber wie gesagt, es ist ein Geschlecht von Eunuchen... (HL §5)